Machen wir Regeln für die 97 Prozent, die damit umgehen können oder für die drei Prozent, die es nicht können?
Heute Morgen durfte ich, wie es damals noch bei uns in der Schule hieß eine “schriftliche Rüge” meines Sohnes unterschreiben. Der Grund: Kaugummi kauen während der Assembly. Also jener wöchentlichen Schulversammlung, in der Informationen weitergegeben, Dinge besprochen und die Woche organisiert werden.
Ich verstehe die Regel durchaus. Kaugummis unter Tischen sind kein Beitrag zu einer funktionierenden Gemeinschaft. Kauen kann andere stören (Mund zu!). Und natürlich brauchen Schulen, genau wie Organisationen, Regeln für die gemeinsame Zusammenarbeit.
Leider hab ich da so eine extrem ausgeprägte Berufskrankheit, die sich auch ins Mama-Dasein durchzieht und insbesondere durchs Schulsystem ausgelöst wird 😉:
Ist diese Regel eigentlich sinnvoll?
Denn beim Kaugummikauen sagt die Forschung, dass es sich lohnt es öfter mal zu machen. Inbesondere für
🧠Konzentration
👀 Aufmerksamkeit
🧘 Stressregulation
🫁Atem
und damit im weiteren Sinne auch für Emotionsregulation. ❤️
Eine Meta-Analyse von Miquel, Ben Haddou & Day (2019) fand einen kleinen, statistisch signifikanten positiven Effekt auf länger aufrechterhaltene Aufmerksamkeit. Weitere Untersuchungen liefern Hinweise auf Effekte bei Alertness, Stressreaktionen und positivere Stimmung. Die Evidenz ist nicht überall gleich stark. Aus Kaugummi wird dadurch kein Konzentrations-Wundermittel. Macht allerdings gegebenfalls den Unterschied bei dem Menschen, der das grad braucht.
Die dahinterliegende Frage und Haltung für mich ist allerdings noch mal wichtiger:
Machen wir Regeln, um das Fehlverhalten einiger weniger zu verhindern und schränken dafür alle anderen ein? Oder geben wir Menschen Handlungsspielraum und kümmern uns gezielt um diejenigen, die damit nicht verantwortlich umgehen?
Genau diese Frage begegnet uns ja auch in Organisationen. Regeln schaffen Orientierung. Sie reduzieren Unsicherheit. Sie machen Zusammenarbeit einfacher. Und öfter mal bleiben sie auch bestehen, obwohl der Grund, aus dem sie einmal entstanden sind, längst nicht mehr da ist.
Dann wird aus „Das brauchen wir, weil …“ irgendwann: „Das machen wir hier eben so.“
Und spätestens dann lohnt sich die Frage:
Welches Problem sollte diese Regel eigentlich lösen und löst sie es heute noch?
Die Rüge habe ich übrigens mit einem lauten Lachen und Umarmer unterschrieben. Darunter habe ich ergänzt: PS: Die Studienlage sagt übrigens … 😉(mich möchte man auch nicht als Mutter haben). Ich konnte nicht anders.
Welche Regel in deiner Organisation gehört dringend einmal wieder auf den Prüfstand?
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