30 Prozent schneller durch den Change? Dann sollten wir über Trauer sprechen.
Wir feiern in Organisationen jeden Kick-off. Warum eigentlich so selten einen Abschied? Ein Projekt wird eingestellt. Ein IT-System gewechselt. Teams werden neu zusammengesetzt. Kolleg:innen gehen. Ein liebgewonnenes Ritual verschwindet.
Und dann? Weiter. Blick nach vorn. Das Neue wartet schließlich schon. Und ich erkenne mich da auch selbst als Führungskraft wieder, mein innerliches Zukunftsdrängen ist hoch. Dennoch arbeite ich seit über 10 Jahren immer wieder aktiv daran, andere zu überzeugen, dass wir genau da im Change bewusst langsamer werden sollten und Raum für Trauerarbeit geben sollten. Damals beschrieb Hans-Joachim Dr. Gergs in seinem Buch: Kontinuierliches Loslassen ist die Voraussetzung für kontinuierliche Erneuerung. Und zum Loslassen gehört Trauer.
Das klingt im Organisationskontext zunächst groß. Dabei geht es vor allem um das kleine Alte, an dem Menschen hängen: Routinen, Produkte, Projekte, Rollen, Teams, Arbeitsweisen.
Eine Coachee von mir hat das einmal ausprobiert. Als Produkte eingestellt wurden, nahm sie sich mit ihrem Team bewusst Zeit für einen längeren Abschied im Teammeeting (natürlich mit Franzbrötchen :-). Ihr Feedback: einer der wertvollsten Momente im Change.
Diesen Sommer habe ich mich noch mal intensiv mit Trauer beschäftigt, dank einer Fortbildung bei der wundervollen Katharina Rust, ebenfalls emTrace Mastercoach und sehr erfahrene Trauerbegleiterin. Ihre handfesten Tipps und neueste Studien zum Thema haben meine Arbeit noch mal mehr fundiert. Vor allem das Duale Prozessmodell von Margaret Stroebe und Henk Schut mit Trauer als eine kontinuierliche Bewegung zwischen zwei Polen: dem Verlust und der Neuorientierung. Wie können wir bewusster Menschen ermöglichen, zwischen Abschied und Aufbruch zu pendeln?
Abschiedsrituale können helfen, Vergangenes zu würdigen, die Gegenwart anzuerkennen und Kraft für das Kommende zu gewinnen. Drei kleine Rituale die ich gern nutze:
💫 Das letzte Mal markieren: Wann tun wir etwas heute bewusst zum letzten Mal?
💫 Würdigen: Was hat uns das alte Projekt, System oder Team ermöglicht?
💫 Mitnehmen: Was davon soll auch im Neuen weiterleben?
Letzteres haben Theresa Seel und ich vor einigen Jahren mal in einer Kofferübung übersetzt, die ich bis heute gern im Workshop tape (hier mit KI aus einem echten Workshop verfremdet).
Wer zurückschaut, verweigert nicht automatisch die Zukunft. Es braucht Innehalten, um wirklich weitergehen zu können.
Welche Rolle spielen Abschied und Loslassen in euren Veränderungsprozessen?
P.S. Wie komme ich auf die 30%? Forschung zeigt, dass Rituale nach Verlusterfahrungen emotionale Belastung reduzieren können. In einem Experiment von Norton & Gino lag der Grief-Wert nach einem Ritual rund 28 % unter dem Wert ohne Ritual.